Die Straße hinauf zur Kapelle und zur ehemaligen Schäferei war seinerzeit regelrecht ein Hohlweg. Der Weg führt aus dem Dorf hinauf auf die östliche Hochfläche, hin zum ehemaligen Viehtrieb und zum Bundorfer Weg.Diese Hochfläche am Haßbergtrauf bildete neben den Wiesen- und Ackerflächen einst die Weideflächen und Hutungen der Birnfelder Bauern und Herrschaften. Die Weiden und Hutungen
reichten bis zum »Herrenholz am Mühlrangen«.
Der einstige »Viehtrieb« (hier eine alte Wegbezeichnung) ist heute im ortsnahen Bereich teilweise bebaut und damalige Weideflächen am Haßbergtrauf sind aufgeforstet.
Im Kreuzungsbereich der Straßen »An der Schäferei/Nassacher Weg« stand einer der Birnfelder Dorfbrunnen, die Mensch und Tier mit dem lebensnotwendigen Nass versorgten.
Das Wasser wurde per Hand in Eimer oder auch Butten gepumpt und anschließend in die Haushalte getragen. Je nach Bedarf des Haushaltes war es mitunter eine beschwerliche Angelegenheit,
überhaupt dort, wo größere Tierbestände vorhanden waren. So waren zum Beispiel im Jahr 1877 im Dorf 357 Einwohner, 5 Pferde und 247 Stück Rindvieh auf diese Weise mit Wasser zu versorgen.
Um die beschwerliche und zeitraubende Tätigkeit des Wasserholens abzumildern, wurde teilweise das Vieh zum Brunnen geführt und direkt aus dem dortigen Trog getränkt. Dadurch kam es aber zwangsläufig zu sehr unappetitlichen Verschmutzungen an der Wasserstelle. Der Bau einer zentralen Wasserversorgung für alle Haushalte wurde im Jahr 1966 in Angriff genommen.
Am 8. April 1945, es ist Weißer Sonntag, erfolgte aus der Rhön über Wülfershausen, Leinach und Oberlauringen her der Einmarsch amerikanischer Truppen in Birnfeld. Einen Eindruck hierzu
vermittelt uns die Schilderung eines jungen Arztes, der im Lazarett auf Schloss Craheim stationiert ist:
»Meinen 26. Geburtstag, am Ostersonntag, 1. April 1945, verlebte ich still und relativ zufrieden in dieser friedlichen Region. Aber der Friede dauerte nicht lange. Acht Tage später hatten uns die Amerikaner „einkassiert“.«
Zwischen Ostern und dem Weißen Sonntag rückte die Front immer näher, es hieß: Kissingen und Hammelburg seien bereits besetzt. Trotzdem nichts Böses ahnend, begab ich mich am Sonntag, 8. April, wie gewohnt von meinem Dorfquartier [Anm. AK: in Wetzhausen] zum Schloss, auf dessen Dach unübersehbar ein großes rotes Kreuz mit weißem Felde gemalt war.
»Kaum war ich am genannten Sonntag im Schloss, da ging plötzlich ein wahnsinniger „Feuerzauber“ los. Amerikanische Jabos [Anm. AK: Jagdbomber] überflogen den ganzen Tag unsere Gegend und feuerten pausenlos, so dass sich niemand außerhalb der Mauern oder Gräben bewegen konnte. Nach dieser ungeheuren und ungebremsten Vorbereitung kamen gegen Abend die ersten Ami- Panzer langsam und vorsichtig angerollt; und erst nachdem man sich überzeugt hatte, dass kein Widerstand zu erwarten war, folgte ebenfalls langsam und vorsichtig, aber stetig die Infanterie.«
Kurz zuvor bezieht Generalmajor Gerhard Franz, Kommandeur der zurückweichenden 256. Volksgrenadier-Division, im Schloss von Birnfeld seinen Gefechtsstand. Von hier aus wird unglücklicherweise versucht, den anrückenden Truppen Widerstand zu leisten. Eine Panzerabwehrgranate wird abgefeuert. Daraufhin wird Birnfeld unter Beschuss genommen.
Verschiedene Anwesen (Memmel, Elting, Steinruck) werden zerstört, geraten in Brand, ob Wohnhaus, Stallungen oder Scheune.
Beim Bekanntwerden des Heranrückens der amerikanischen Truppen hatten sich am frühen Abend Erwachsene und Kinder schutzsuchend in die Felsenkeller im Dorf begeben.
»Leopold Behr und Anton Schunk befanden sich bei den Kommunionkindern im Felsenkeller an der Schäferei. Beide standen nahe am Eingang und wurden von den Splittern einer Granate
tödlich verletzt.«
Das Ergebnis der sinnfreien Verteidigungsanstrengung Einzelner an diesem Tag: fünf Tote (drei Soldaten der Wehrmacht ließen ebenfalls ihr Leben), Zerstörung sowie erneut Trauer und Leid in der Bevölkerung.
Wie uns das Protokollbuch weiter berichtet, unternahmen die Birnfelder, die polnischen Gefangenen und die amerikanischen Soldaten gemeinsam alle Anstrengungen, die Brände einzudämmen und zu löschen, denn das Birnfelder Spritzenfahrzeug war am brennenden Stadtlauringer Bahnhofgebäude im Einsatz.
(Text: Alfred Lamprecht – Alle Rechte vorbehalten)